"Bericht über die Lage des Armenischen Volkes in der Türkei" von Dr. Johannes Lepsius

"Dieses Buch des weltbekannten evangelischen Theologen und Wohltäters, Dr. Johannes Lepsius, wurde im Juni 1916 als letzter, verzweifelter Hilferuf an jeden deutschen Reichtagsabgeordneten geschickt, um den Rest der noch Überlebenden des Genozids von 1915 an den Armeniern zu retten. Die Exemplare wurden jedoch von der Militärzensur beschlagnahmt und die Reichstagsabgeordneten konnten in ihrer Unwissenheit keinen Protest erheben. Somit war das Schicksal der Opfer, die hauptsächlich in Konzentrationslagern die sich in der syrischen Wüste befanden, vebracht worden waren, endgültig besiegelt. Daher ist dieses Dokument in erster Linie an die Deutschen Bundestagsabgeordneten, als legale Nachfolger der Reichstagsabgeordneten, gerichtet. Es bleibt jedem Abgeordneten überlassen, die Verantwortung seiner Regierung in dieser Angelegenheit zu bestimmen, die nicht nur eine politische, sondern vor allem eine Gewissensfrage darstellt."

Johannes Lepsius wurde 1858 in Berlin geboren und starb 1925 in Meran. Sein Name ist untrennbar mit dem armenischen Schicksal verbunden. Er war der Sohn des großen Ägyptologen Karl Richard Lepsius.  

Johannes Lepsius studierte Mathematik, Philosophie und evangelische Theologie und verbrachte zwei Jahre im syrischen Waisenhaus des osmanischen Jerusalems, das in Folge der Massaker an der christlichen Bevölkerung von 1860 entstanden war. Dort sammelte er seine ersten Erfahrungen die sein späteres Leben bestimmen sollten.  

Schon 1886 ritt er durch Ostanatolien, um sich über das Ausmaß der Massaker an den christlichen Armeniern durch den „roten“ Sultan Abdul Hamid in den Jahren 1885-1886, ein persönliches Urteil zu verschaffen. Er verfaßte 1886 darüber „Eine Anklageschrift wider die christlichen Großmächte und ein Aufruf an das christliche Deutschland“. Darin beanstandete er die allgemeine Unkenntnis der deutschen Presse, und den Mangel an Literatur über die armenische Frage, im Gegensatz zu England und Frankreich. „Es ist notwendig, daß die Wahrheit über Armenien endlich an den Tag kommt. Seit dreiviertel Jahren wird die deutsche Presse mit Nachrichten überschwemmt aus einer Quelle, die nicht nur durch Einseitigkeit des Urteils getrübt ist, sondern wie wir nachweisen werden, durch unerhörte Fälschungen den Zweck verfolgt hat, Europa zu täuschen. Es ist daher kein Wunder, daß bisher in Deutschland Tatsachen über den Ursprung, den Verlauf und die Folgen der Massenabschlachtung, Ausplünderung und Zwangskonvertierung eines großen christlichen Volkes so gut wie gar nicht bekannt geworden sind, während dafür gesorgt wurde, daß in der deutschen Presse, mit vereinzelten Ausnahmen, die Schuld der „rebellischen“ Armenier, als Anstifter alles Unheils, in bengalische Beleuchtung gesetzt wurde ...“ *  

Es folgen die ergreifenden Berichte der Blutbäder von 1895-1896 in den Wilajets (Provinzen) von Trapezunt, Erzerum, Bitlis, Van, Mamuret ul Aziz, Diyarbekir, Sivas, Aleppo, Adana und Angora (Ankara) denen weit über 100 000 Christen zum Opfer fielen. Weitere 100.000 Christen wurden zwangs-islamisiert.  

Ein Jahr später, 1887, unternahm Kaiser Wilhelm II. seinen eindrucksvollen Freundschaftsbesuch bei Sultan Abdul Hamid um sein Projekt der Bagdad Bahn in die Wege zu leiten, wobei die kürzlichen Massaker an den Christen nicht mehr erwähnt wurden.  

Johannes Lepsius ließ es nicht nur bei Worten bestehen, sondern sammelte Spenden und gründete das Armenische Hilfswerk mit Waisenhäusern und Hilfsstationen in der Türkei, Persien, Bulgarien und später in Syrien und dem Libanon, wohin sich viele Überlebende geflüchtet hatten, und er wurde der Mitbegründer der Deutsch-Armenischen Gesellschaft.  

1914 trat die Türkei auf Seiten der Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg ein. Die türkische Regierung der Jung-Türken, die den Sultan Abdul Hamid gestürzt hatte, verfolgte die gleiche Politik der Ausrottung der christlichen Bevölkerung der Türkei und sah die einmalige Gelegenheit, im Schatten der Kriegsereignisse ihr Verbrechen durchzuführen.  

Sie organisierte heimlich 1915 den Genozid durch ihre „Organisation Speciale 2“, um mit Hilfe der Kurden, Tscherkessen, Tschetschenen und dazu freigelassenen Mörderbanden von Schwerverbrechern, die gesamte christliche Urbevölkerung der Osttürkei, Armenier, Syrer und Assyro-Chaldäer, insgesamt 1,5-2 Millionen Menschen zu beseitigen. (Die Griechen sollten anschließend durch Mustafa Kemal ausgeschaltet werden.)  

Im Juni 1915 erhielt Johannes Lepsius vom Auswärtigem Amt in Berlin folgende telegraphische Mitteilung des deutschen Botschafters Freiherrn von Wangenheim in Konstantinopel:

„Zur Eindämmung der armenischen Spionage und um neuen armenischen Massenerhebungen vorzubeugen, beabsichtigt Enver Pasha (als General und Kriegsminister einer der einflussreichsten Politiker der Jungtürken) unter Benutzung des Kriegs-Ausnahmezustandes eine große Anzahl armenischer Schulen zu schließen, armenische Postkorrespondenz zu untersagen, armenische Zeitungen zu unterdrücken und aus den jetzt insurgierten armenischen Zentren alle nicht ganz einwandfreien Familien in Mesopotamien anzusiedeln ...

Bitte Dr. Lepsius und deutsche armenische Komitees entsprechend verständigen, daß erwähnte Maßnahmen bei der politischen und militärischen Lage der Türkei leider nicht zu vermeiden“ **  

Johannes Lepsius verstand sofort, daß Massendeportationen Massenmassaker bedeuten, und reiste umgehend nach Konstantinopel um sich an Ort und Stelle über die Wahrheit zu informieren und seinen Einfluß geltend zu machen, was jedoch mißlang.

Er verfasste nach seiner Rückkkehr nach Berlin diesen streng vertraulichen „BERICHT über die Lage des Armenischen Volkes in der Türkei.“ In dessen Vorwort Seite V. lesen Sie u.a.: „Von allen christlichen Völkern sind wir Deutschen die nächsten dazu, den Unglücklichen Samariterdienste zu leisten. Wir haben die Vernichtung der halben Nation nicht hindern können. Die Rettung der anderen Hälfte liegt auf unserm Gewissen. Bisher konnte für die Notleidenden nichts geschehen. Jetzt muß etwas geschehen.“

Um die Überlebenden der Massaker (eine halbe Million bis 800 000 Personen, die zum Großteil in die syrische Wüste getrieben worden waren um dort zu verenden), schickte Johannes Lepsius seinen Bericht (dieses Buch) an alle Abgeordneten des Reichstags. Er rechnete mit ihrer Hilfe in letzter Instanz. Aber diese Aktion scheiterte ebenfalls, denn alle Exemplare wurden von der Militärzensur beschlagnahmt.

Somit war das Schicksal hunderttausender Frauen, Kinder und Greise besiegelt. „Ihr Ende lastet auf unserem Gewissen“.

Die Geschichte ist häufig eine Verkettung fataler Umstände, die auf eine Lösung warten, wobei der erste Schritt die Anerkennung der dunklen Seiten seiner Geschichte betrifft. Deutschland war vorbildlich gegenüber dem Genozid an den Juden. Es zahlt noch heute die Entschädigungen an die Nachkommen der Opfer.  

Wie steht es aber mit dem Genozid an den Armeniern?

Kann man einer Nation vertrauen, die aus seinen Opfern Schuldige macht, die Nachforschungen bestraft, die Zeugen des Verrates anklagt, die ihre Jugend in einem falschem Geschichtsbild erzieht?

Fridtjof Nansen, Polarforscher und erster Generalsekretär des Völkerbundes für Flüchtlinge, dessen Ruf unantastbar war, konnte sich erlauben den gewissenlosen Verrat „aller Großmächte an dem armenischen Volk“ zu stigmatisieren ...“ Handelte es sich doch nur um ein kleines, begabtes Volk, ohne Erdöl oder Goldminen.“***

Erinnern wir daran, daß die Armenier und Assyro-Chaldäer 1923 im Vertrag von Lausanne nicht mehr erwähnt wurden, obwohl sie 1920 im Vertrag von Sevres das Gebiet ihrer Vorfahren in der Osttürkei erhalten hatten.

Sagte nicht Hitler vor Beginn des methodisch durchgeführten Genozids an den Juden – „... Wer spricht heute noch von den Armeniern?“

Johannes Lepsius hat mit Worten, Schriften und Taten, seinen von christlichem Glauben unterstützten Mut bewiesen. Möge sein Vorbild – fast ein Jahrhundert später – die Nachfolger derer inspirieren, an die er seinen Bericht 1916 geschickt hatte.  

Erinnern wir uns daran, daß 2005 der Deutsche Bundestag einstimmig und energisch den Völkermord an den Armeniern verurteilt hat.  

Als Schlußfolgerung kann man nur wünschen, daß eine Wiedergutmachung des armenischen Genozids eine positive Wirkung auf die heutige (weitgehend von der internationalen Presse verschwiegene) Christenverfolgung im Irak hätte, denn die christlichen Kirchen im Irak warnen im Hinblick auf die schrecklichen Attentate:

„ … das Verschwinden der christlichen Minderheiten im Irak würde gewissermaßen einen Bruch zwischen Orient und Okzident bedeuten, und wäre gleichzeitig die Vollendung der Genozide an den Assyro-Chaldäern, Syrern, Armeniern und Griechen des osmanischen Reiches zwischen 1915 und 1923.“ ****

Otto R. Hoffmann