Armenier erinnern an Hrant Dink und Erleben eine Maskerade

Wir müssen uns daran erinnern, dass Dink damals wegen "Verunglimpfung des Türkentums" auf Basis des berüchtigten § 301 strafrechtlich verfolgt wurde, dass mit ihm die Rede- und Pressefreiheit in der Türkei auf der Anklagebank gesessen hatten. Sein jugendlicher Mörder, verführt von einer maßlosen Justiz, hat ihn fast folgerichtig im Namen der Ehre hinterrücks erschossen. Der ZAD nimmt den zweiten Jahrestag der Ermordung Hrant Dinks erneut zum Anlass, von der Europäischen Union endlich klare Richtlinien für weitere Aufnahmeverhandlungen mit der Türkei zu formulieren: dazu gehören beispielsweise die vollständige Herstellung von Pressefreiheit und Redefreiheit, die uneingeschränkte Einhaltung der Menschenrechte, freie Religionsausübung u.a. für armenische, griechische und  aramäische Christen, Anerkennung des Völkermords von 1915 und damit die Wiederherstellung der Würde der eineinhalb Millionen Opfer. Eine unverzichtbare Lehre aus der Ermordung Hrant Dinks für Europa aber muss sein, dass der Völkermord nicht nur in allen Mitgliedsländern explizit anerkannt wird, sondern dass grundsätzlich die Leugnung von Völkermord strafrechtlich verfolgt wird, wie es etwa in der Schweiz längst der Fall ist. Nur so kann verhindert  werden, dass immer wieder Völkermordleugner in Europa unterwegs sind und Hass säen. Und nur so kann die zaghaft sichtbare intellektuelle Opposition in der Türkei ermutigt werden, ihren Weg aus der Nische einer verschwiegenen Opposition hin zu einer offenen Bürgergesellschaft zu gehen.

Hrant Dink war jemand, der diesen Weg gehen wollte. Er ist gescheitert. Mit ihm starb auch die Hoffnung, dass Versöhnung ohne den mühevollen Weg der Anerkennung möglich sei. Diese Hoffnung, so müssen wir es mit dem Abstand von zwei Jahren sehen, war eine Illusion. Wer heute Dinks Texte wieder liest, wird die Trauer über diesen Verlust noch einmal mit aller Wucht empfinden. Es wird viele mutige Menschen benötigen, um den Prozess der Anerkennung doch noch zu beschleunigen und der Türkei den Weg einer politischen Umkehr zu weisen. Nur so wird dieses Land die große Chance erkennen können, die darin liegt, seine eigene Geschichte anzuerkennen und endlich frei zu werden von den Zwängen einer Jahrzehnte alten Lüge: Entfesselung als Akt der Befreiung.

Der ZAD registriert, dass in jüngster Zeit eine Gruppe türkischer Bürger im Internet eine Petition veröffentlicht hat, in der sie die Armenier für die an ihnen begangenen "Massaker" des Jahres 1915 um Verzeihung bitten.  Aufgrund von Aussagen einiger Initiatoren dieser Aktion in Zeitungsartikeln sowie in öffentlichen Kommentierungen und Interviews, allen voran durch die Äußerungen des Initiators Prof. Baskin Oran, wird es deutlich, dass die Aktion "Ich entschuldige mich" eine PR-Maskerade darstellt, mit dem Zweck, Diskussionen in verschiedenen Parlamenten bezüglich der Anerkennung des Genozids der Türkei an den Armeniern zu verhindern und blockieren. Dies geschieht auf Kosten von vielen Tausenden Internet-User, die die Aktion per Unterschrift solidarisieren.  Eine Entschuldigung für die historischen Vernichtungstaten der Türkei zu erbitten, ist und bleibt einzig und allein die Aufgabe der türkischen Regierung.

 

Zentralrat der Armenier in Deutschland

Der Vorstand

Frankfurt am Main, 19.01.2009