Armenischer Journalist und Henri Nannen Preisträger Hrant Dink erneut wegen „Beleidigung des Türkentums“ angeklagt

Der Zentralrat der Armenier in Deutschland verurteilt die Terrorisierung Hrant Dinks durch die türkische Justiz auf das Schärfste.  Die demokratische Öffentlichkeit und die europäischen Politiker und Institutionen hat sich zu Recht über die Prozesse gegen prominente türkische Schriftsteller wie Orhan Pamuk und Elif Shafak empört. Wir erwarten, dass sie in derselben Entschiedenheit dagegen protestiert, wenn ein kritischer armenischer Journalist von nationalistischen Richtern und Staatsanwälten über Jahre hinweg ständig vor Gericht gezerrt wird und sogar dort gewalttätigen Angriffen von fanatischen Nationalisten ausgesetzt ist.

 

Orhan Pamuk wurde angeklagt, weil er in einem Interview die Ermordung von über 1 Millionen Armeniern erwähnt hat, Elif Shafak, weil sie in ihrem Roman ebenfalls den Völkermord an den Armeniern thematisiert. Wir begrüßen es, dass immer mehr türkische Intellektuelle den Mut aufbringen, der offiziellen türkischen Geschichtsschreibung zu widersprechen und das Verbrechen an den Armeniern als Völkermord bezeichnen. Die absurden Prozesse gegen Orhan Pamuk, Elif Shafak, Hrant Dink und andere kritische Intellektuelle zeigen, dass die Türkei nicht im Geringsten an einem Dialog zwischen den beiden Völkern interessiert ist.

Wir erinnern daran, dass in der im Juni 2005 vom Bundestag beschlossenen Resolution die Bundesregierung aufgerufen wurde, dafür einzutreten, dass sich Parlament, Regierung und Gesellschaft der Türkei mit ihrer Rolle gegenüber dem armenischen Volk in Geschichte und Gegenwart vorbehaltlos auseinandersetzt. Gemäß der Bundestagsresolution sollte sich die Bundesregierung auch für die Gewährung der Meinungsfreiheit in der Türkei, insbesondere auch bezüglich des Schicksals der Armenier, einsetzen.

 

Der ZAD appelliert an die deutsche Politik und Öffentlichkeit, sich entschieden für die sofortige Einstellung aller Gerichtsverfahren gegen Hrant Dink und andere Intellektuelle in der Türkei einzusetzen und die Abschaffung des § 301 und aller übrigen undemokratischen Maulkorb-Paragraphen zu fordern. Der Türkei muss deutlich gemacht werden, dass die Öffentlichkeit in Europa es nicht widerspruchslos hinnimmt, wenn die Stimme der Armenier in der Türkei zum Schweigen gebracht werden soll.

 

Zentralrat der Armenier in Deutschland e.V.

Frankfurt

29. September 2006