Zentrale Gedenkfeier für die Opfer des Genozids an den Armeniern

Der 24. April wurde in diesem Jahr erneut mit einer zentralen Gedenkveranstaltung in der Paulskirche zu Frankfurt am Main begangen. Es war bereits das fünfte Mal, daß der Opfer des Genozids an den Armeniern an diesem symbolischen Ort gedacht wurde. Organisiert wurde die Gedenkfeier gemeinsam von dem Zentralrat der Armenier in Deutschland und der Diözese der Armenischen Kirche in Deutschland. Eine Gedenkfeier fand zugleich in Berlin im Festsaal der Vertretung des Saarlandes beim Bund statt, zu der die Armenische Gemeinde zu Berlin eingeladen hatte. Die Gedenkrede in der Berliner Gedenkveranstaltung hielt Herr Steffen Reiche, Minister für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg. Auch in Hamburg wurde unter Mitwirkung des Zentralrats der Opfer des Genozids von 1915/16 gedacht.

Im Rahmen der zentralen Gedenkfeier in der Frankfurter Paulskirche - an der circa 700 Personen, darunter viele Vertreter aus Politik und Öffentlichkeit teilnahmen, so Mitglieder des hessischen Landtags aus den Fraktionen der CDU, FDP und des Bündnis 90/Die Grünen und Abgeordnete der Stadt Frankfurt - hielten Frau Angelika Beer, Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, und Herr Prof. Dr. Wolfgang Benz, der Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin, die Gedenkreden.

Eröffnet wurde die Gedenkfeier von Herrn Dr. Schawarsch Owassapian, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Armenier in Deutschland, der die Teilnehmer und Gäste begrüßte. Besonders begrüßte er die Vertreter der Aramäischen Gemeinde, deren Schicksal untrennbar mit der Geschichte des Genozids an den Armeniern verbunden ist, und die Würdenträger der Syrisch-Orthodoxen Kirche in Deutschland. Owassapian verwies auf die große Bedeutung des Gedenktags, der über die Beschäftigung mit der Vergangenheit hinaus insbesondere auch eine Auseinandersetzung mit der Gegenwart einfordere. Denn Gedenken, so Owassapian, fragt danach, wie das zu Gedenkende in unserer Gegenwart eingeordnet wird, es fragt also nach unserer eigenen Stellung in und zu der Erinnerung. Gedenken ist somit keine Frage passiver Trauer. Und auch eine symbolische Anerkennung des Verbrechens allein reicht nicht aus. Sie bliebe eine Leerformel, wenn sie nicht von verantwortungsvollem Handeln begleitet wird. In einer kurzen Ansprache brachte I. E. Frau Kazinian, Bortschafterin der Republik Armenien, ihr tiefstes Bedauern über das türkische Beharren auf der Leugnung des Völkermords von 1915/16 zum Ausdruck.

In Vertretung von Frau Oberbürgermeisterin Petra Roth sprach Herr Jean-Claude Diallo, Mitglied des Magistrats der Stadt Frankfurt, ein Grußwort, in dem er heraushob, daß die Stadt Frankfurt stolz sei, dem Tag der Erinnerung an den Genozid an den Genozid an den Armeniern einen Ort geben können, den die armenische Geschichte nicht zuletzt auch mit der deutschen Geschichte verbände.

Mit Frau Angelika Beer hatte sich erstmals eine Politikerin von Bündnis 90/Die Grünen zu einer Stellungnahme zum Genozid an den Armeniern bereiterklärt. So war die Ansprache von Frau Beer von der Frage der aktuellen politischen Einordnung des Genozids bestimmt. Gleich zu Beginn wies sie darauf hin, daß es sehr schwierig sei, in einer Ansprache zum Gedenktag für die Opfer die persönliche Perspektive von der Perspektive als Vorsitzende einer Regierungspartei zu trennen. Im Versuch der Bestimmung regierungspolitischer Handlungsräume führte Frau Beer vor, wie schwierig es in Deutschland nach wie vor ist, Politik an moralischen Verpflichtungen zu orientieren. In bezug auf die Frage der Anerkennung appellierte Frau Beer an Ausgleich und Versöhnung und erläuterte hier die Position der Regierungsparteien. Zwar sei die Forderung der Armenier nach Anerkennung des Völkermords »legitim«, doch dürfe nicht versucht werden, durch einen letztlich ideologisch motivierten »Druck von außen« diese Anerkennung zu erzwingen - etwa indem man die Anerkennung des Genozids zur Voraussetzung für eine Mitgliedschaft der Türkei in der EU mache. Eine solche Forderung würde einen Dialog und einen Prozeß der Versöhnung erschweren. Zwar bezeichnete Frau Beer den Genozid als eine »unwidersprochene Tatsache«, doch ohne die offizielle Leugnungspolitik der Türkei explizit zu erwähnen, bleibt ein solches Zugeständnis eine Formel.

Prof. Dr. Wolfgang Benz thematisierte mit einem eindrucksvollen historischen Überblick, in dem er detailliert auf das historische Quellenmaterial zurückgriff, Leitlinien der Entwicklung zum Völkermord. Nachdrücklich skizzierte er die Konsequenzen der gewaltvollen Nationalpolitiken im 20. Jahrhundert und analysierte die Argumente der Leugnung von Völkermord. So zeigte er auch die Implikationen für eine gegenwärtige Politik auf und forderte nachdrücklich zu einer politischen Anerkennung auf. Insbesondere hinterfragte Benz das Argument, daß in dieser Sache nicht die Politiker und Abgeordneten gefragt seien, sondern die Historiker. Die Historiker, so schloß Benz, »haben sich lange und gründlich mit dem Völkermord an den Armeniern beschäftigt. Sollen sie das weiter tun, damit die Politiker keine Konsequenzen aus der Erkenntnis der Gelehrten ziehen müssen?«

Künstlerisch umrahmt wurde die Gedenkfeier von der Violinsolistin Susanna Gregorian, die Werke von Johann Sebastian Bach, Aram Khatschaturian und Komitas eindrucksvoll interpretierte. Der Schauspieler Max Landgrebe rezitierte neben Gedichten von Vahan Tekeian und Krikor Beledian auch den 1920 entstandenen Prosatext »Die schrecklichen Nächte« von Eugen Hoeflich (Mosche Yaakov Ben-Gavriel), der Zeuge der Deportationen war. Diese Zeugenschaft sollte ihn Zeit seines Lebens nicht loslassen. »Ich aber rannte in die Wüste hinaus«, schrieb Hoeflich, »warf mich zu Boden, biß meine Zähne in den Sand und stopfte Sand in meine Ohren. Das Schreien vom Berge aber schwang sich, eine blutige Spur, hinter mir her. Es war ein Schrei, der herabkam, ein langer unendlicher Schrei, der mitunter in den Sand zu versickern schien, dann wieder aufbrach, sich teilte, als wollte er in alle Richtungen der Welt sich werfen, hinwimmerte, zu den Sternen wuchs, die Wüste umschloß und aus allen Einöden zurückkam.« Der suggestiven, poetischen Kraft der Texte konnte man sich schwerlich entziehen.

Die Gedenkfeier endete mit einem gemeinsamen Gebet des Primas der Armenischen Kirche in Deutschland Erzbischof Karekin Bekdjian, dem Metropoliten der Syrisch-Orthodoxen Kirche Mitteleuropas Yesu Cicek und Bischof Mor Dionysios Isa Gürbüz in armenischer und aramäischer Sprache.

Die Gedenkveranstaltung, insbesondere die Rede von Frau Beer, die die Frage der Anerkennung des Genozids so konsequent in den tagespolitischen Diskussionen verortete, machte deutlich, daß man es heute einerseits mit einer neuen Qualität der Anerkennung, andererseits mit einer neuen Form der Leugnung zu tun hat.

So zeigte das kritische Echo auf die Rede von Frau Beer in der Presse, daß in den letzten Jahren ein unbestechliches Fundament von Stimmen gewachsen ist, die nicht mehr bereit sind, die Leugnung des Genozids an den Armeniern zu tolerieren. Ausführliche Auseinandersetzungen, in denen die Tatsache des Genozids und seine Leugnung mit uneingeschränkter Selbstverständlichkeit thematisiert wurden, erschienen u.a. in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Frankfurter Rundschau oder dem Tagesspiegel. So machte die Veranstaltung eben auch deutlich, daß es nicht mehr die Zeit ist, nur das Leid der Armenier einzuklagen. Die Diskussion um die armenische Geschichte muß sich heute den wesentlich differenzierteren Formen der Leugnung stellen: so der Strategie, die Tatsache des Genozids anzuerkennen, doch zugleich zu fordern, daß es mit diesem Satz auch genug sei und nun Zeit sei, außerhalb der Schuldfrage einen Dialog zu suchen. »Doch wie kann man einen Täter entlasten, ohne ihn vorher zu belasten?« fragte Minister Steffen Reiche in Berlin.

Es kommt also zukünftig auch darauf an, auf die Rhetorik der »Anerkennung« zu achten. Nicht zuletzt bewies das Kommen von Frau Beer, daß die Politik in Deutschland an der »armenischen Frage« nicht vorbei kann, wenn sie die Türkei in die EU holen will.

Das seit mehreren Jahren konsequent verfolgte Ziel des Zentralrats, die Gedenkfeiern an den Genozid von 1915/16 in einem ernsthaften Rahmen zu gestalten und bekannte Persönlichkeiten aus Politik und Wissenschaft einzuladen, folgte zwei Zielen: einerseits eine Basis für ein Echo der Akzeptanz in Politik und Öffentlichkeit zu erreichen, andererseits die Bedeutung des Genozids für die armenischen Gemeinschaft selbst zu erinnern, die Bedeutung dieses radikalen Bruchs in unserer Geschichte nicht hinter dem Kampf gegen die Leugnung zurücktreten zu lassen.

Um einen Eingang in die politischen Diskussionen und Erwägungen zu finden, muß es gelingen, die armenische Erfahrung und die mit ihr verbundenen Forderungen in den gültigen Spielregeln der Politik zu verankern - und auf Dauer zu institutionalisieren. Dazu gehört, nicht nur die Argumente der Tagespolitik zu kennen, sondern auch Formen zu wählen, die innerhalb der politischen Kultur Akzeptanz finden.

Wir dürfen uns heute erlauben, zu sagen, daß dieses Streben beginnt, erfolgreich zu sein. Denn über die symbolischen Akte gegen die Leugnung hinaus ist es wichtig, den Argumenten der Leugner gewachsen zu sein: gegen wissenschaftliche und politisch hochdifferenzierte Argumentationssysteme nützt allein der Versuch, ein Bewußtsein für die Verpflichtungen an die armenische Erinnerung in Politik und Öffentlichkeit zu verankern. Die Reihe der Artikel und Leserbriefe in großen Tageszeitungen, in denen die Positionen der aktuellen Politik scharf kontrastiert wurden, zeigte in diesem Jahr die gewachsene Relevanz aus, die heute der Erinnerung an den Genozid an den Armeniern zugesprochen wird.

An dieser Entwicklung haben nicht zuletzt Persönlichkeit großen Anteil, die in unseren Gedenkveranstaltungen wiederholt ihre Stimme für die Erfahrung der Armenier erhoben haben. In ihrer eindeutigen Haltung gehören hierzu insbesondere Herr Dr. h.c. Ralph Giordano, der auch in diesem Jahr an der zentralen Gedenkfeier teilgenommen hat oder - unter den Politikern in der Bundesrepublik bis heute leider noch eine der wenigen Ausnahmen - Herr Minister Steffen Reiche (vgl. hierzu ausführlich den Bericht der Armenischen Gemeinde zu Berlin).

Wir werden uns gemeinsam mit der Diözese der Armenischen Kirche in Deutschland bemühen, diesen eingeschlagenen Weg fortzusetzen, wichtige Repräsentanten des gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Lebens der Bundesrepublik in unsere Gedenkveranstaltungen einzubinden, ja: auch den Mut zu haben, Repräsentanten des aktuellen politischen Tagesgeschehens mit der Aufforderung zu konfrontieren, Stellung zu beziehen.

Bei dieser Gelegenheit möchten wir allen, die uns bei unserer Arbeit unterstützt haben, ausdrücklich danken, und hoffen, daß uns diese so wichtige Unterstützung auch weiterhin von der armenischen Gemeinschaft in Deutschland gewährt wird. Für die gute Zusammenarbeit danken wir insbesondere der Diözese der Armenischen Kirche in Deutschland, S.E. Erzbischof Karekin Bekdjian.

Für den Zentralrat der Armenier in Deutschland

Dr. Schawarsch Owassapian, Vorsitzender Dr. Raffi Bedikian, Stellvertr. Vorsitzender im Mai 2004