Die Tragödie der Armenier entzweit Paris und Ankara

Die Türkei wehrt sich gegen den Begriff „Genozid“ für die Massaker von 1915, doch Frankreich legt für Leugner des Völkermords harte Strafen fest.

Zwischen Frankreich und der Türkei ist eine neue Eiszeit ausgebrochen. Der Grund dafür liegt tief in der blutigen Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts: Es geht um das grausame Vorgehen der jungtürkischen Regierung 1915/16 gegen die Armenier im Osmanischen Reich – eine Frage, die bis heute nicht nur zwischen Armenien und der Türkei, sondern in vielen Ländern emotional belegt ist.

Bereits am 22. Dezember hatte die Französische Nationalversammlung ein Gesetz beschlossen, das vorsieht, dass „die öffentliche Preisung, Leugnung oder grobe Banalisierung von Genociden, Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Kriegsverbrechen“, welche von Frankreich anerkannt sind, mit Geld- und Haftstrafen belegt werden kann. Nun bestätigte auch der Senat in Paris mit 127 gegen 86 Stimmen nach siebenstündiger Debatte das Gesetz, das für die Leugnung eines Völkermords Strafen von bis zu einem Jahr Haft und 45 000 Euro vorsieht.

Dieses Gesetz, das Präsident Nicolas Sarkozy noch im Februar unterzeichnen will, und die Strafandrohung betreffen auch die Massaker an den christlichen Armeniern während des Ersten Weltkriegs, denn Paris hat – ebenso wie Griechenland, Zypern, Italien, Belgien, Kanada, Russland, Schweden und der Libanon – diese Massaker als Genozid im Sinn der „UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermords“ anerkannt. Ankara hatte bereits im Dezember kurzzeitig den türischen Botschafter aus Paris abberufen und harte Sanktionen gegen Frankreich angekündigt. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan warf Frankreich vor, selbst als Kolonialmacht in Algerien 15 Prozent der Bevölkerung massakriert und damit einen Völkermord begangen zu haben. Am Dienstag nun sprach Erdogan von einem „Massaker an der Meinungsfreiheit“ und appellierte an Paris, sich gegen Diskriminierung und Rassismus zu stellen. Dem wahlkämpfenden Präsidenten Sarkozy warf er vor, „mit Feindseligkeit gegenüber der Türkei Stimmen gewinnen“ zu wollen, lebt doch in Frankreich eine halbe Million Menschen armenischer Abstammung.

In Paris gingen sowohl empörte junge Türken als auch Armenier mit Transparenten und Fahnen auf die Straße. Auch in Frankreich ist das neue Gesetz nicht unumstritten, was nicht nur die Gegenstimmen im Senat zeigen. Angesichts der engen wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen zwischen Paris und Ankara nannte Außenminister Alain Juppé das Völkermordgesetz „nicht zweckdienlich“.

Der Vorsitzende des Rates der Armenier in Deutschland, Azat Ordukhanyan, rief den Deutschen Bundestag auf, dem Vorbild Frankreichs zu folgen und die Leugnung des Völkermords zu verbieten. Er erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass Deutschland „in vielfältiger Weise“ mit den Verbrechen von 1915 verbunden gewesen sei und darum eine moralische Verantwortung trage.

Der Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs emotionalisiert bis heute, weil er das Selbstverständnis der Armenier als Volk ebenso wie das Selbstverständnis der türkischen Republik berührt. Für die heute auf rund 120 Staaten verstreuten Armenier bildet die Erinnerung an den Genocid neben der armenischen Sprache und der christlichen Religion den wesentlichen Faktor ihrer Identität. Dabei hatten die Armenier jahrhundertelang in Millionenstärke und mit eigenem Patriarchen im Osmanischen Reich als „das treue Millet“ gelebt und ihre Traditionen gepflegt. Erst mit dem aus Europa importierten Nationalismus wuchsen die Gewalttaten zwischen Kurden und Armeniern, schließlich auch zwischen der Staatsmacht und armenischen Geheimbünden.

Als dann die nationalistischen Jungtürken 1913 putschartig die Macht übernahmen und die Türkei an der Seite der Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg eintrat, wurden die Armenier kollektiv als Feinde betrachtet. Die drei Führer der Jungtürken stammten nicht aus Anatolien, sondern vom multiethnischen Balkan, propagierten jedoch einen ethnisch homogenen Staat. Die Tatsache, dass auf Seiten Russlands armenische Freiwilligen-Einheiten gegen die Türken kämpften, nahmen die Jungtürken zum Anlass, die Armenier pauschal zu Verrätern zu erklären. Am 24. April 1915 begannen die brutalen Deportationen der Armenier, an deren Ende einer der jungtürkischen Machthaber, Talat Pascha, gegenüber der Deutschen Botschaft in Istanbul behaupten konnte: „Die armenische Frage existiert nicht mehr!“

Talat Pascha wurde später in der Türkei in Abwesenheit zum Tode verurteilt und in seinem Berliner Exil von einem Armenier ermordet. Die nationalistische Ideologie der Jungtürken aber bildete eine Grundlage für Mustafa Kemal Atatürks Staatsdoktrin, die bis heute offizielle Geltung hat. Daher rührt die Tabuisierung des Genocids aus türkischer Sicht. Die Türkei leugnet nicht das „armenische Massaker“ und die Tötung von Hunderttausenden, bestreitet jedoch den Vorsatz der Vernichtung des armenischen Volkes. Ministerpräsident Erdogan schlug Armenien 2005 vor, die Geschehnisse durch eine türkisch-armenische Historikerkommission wissenschaftlich zu untersuchen. Die historische Wahrheit könne nur wissenschaftlich erforscht, nicht aber politisch oder gesetzlich festgesetzt werden, so die türkische Argumentation. Die Regierung Armeniens lehnte den türkischen Vorschlag einer gemeinsamen Historikerkommission ab, weil dies das Faktum des Genocids in Zweifel ziehen würde. Beim Streit um die Zahl der Opfer beruft sich Armenien auf die vom Patriarchat genannte Zahl der armenischen Gläubigen im Osmanischen Reich – 2,1 Millionen – und kommt deshalb auf 1,5 Millionen Tote. Ankara dagegen stützt sich auf die osmanische Volkszählung, die das armenische Millet mit 1,3 Millionen Menschen bezifferte. Unbestreitbar hingegen ist, dass der türkische Nationalismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein multiethnisches und multireligiöses Osmanisches Reich in seiner Grundstruktur völlig veränderte. Dazu zählt auch der „Todesgang des armenischen Volkes“, über den der Leiter der evangelischen „Deutschen Orient Mission“, Johannes Lepsius, bereits während des Ersten Weltkriegs berichtete.

Die Tagespost, 25.01.2012

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